Einleitung
   

Was wissen Religionsgemeinschaften, Bischöfe und Pfarrer, was weiß die Theologie, was weiß überhaupt irgend jemand eigentlich über Gott?

 

Nach Nikolaus von Kues, dessen Geburtstag 2001 sich zum 600. Male jährt, ist die Antwort ebenso einfach wie verblüffend: NICHTS.

   

Der aus dem Moselstädtchen Bernkastel-Kues stammende Theologe, Philosoph, Kardinal und Kirchenreformer kommt zu dieser Einsicht am Ende eines Zeitalters der gewaltigen Kathedralen, der mächtigen Päpste und verehrten Heiligen - und der dicken Bücher über Gott und die Welt, die es hervorgebracht hat.

   

Kaum eine Zeit in der Geschichte der Kirche hat umfassendere, ausgefeiltere Werke erarbeitet. Wer Gott ist und wie er handelt, was Menschen tun sollen, worauf sie hoffen dürfen, was rechtgläubig und was ketzerisch war - das wusste man, und die Kirche sah sich als Verwalterin der für das Heil der Menschen notwendigen Grundlagen.

   

"Weißt du wirklich, was du zu wissen meinst...?"

Mit dieser sokratischen Frage enttarnt Nikolaus diese gewaltige Lehrtradition im besten Sinne allenfalls als "docta ignorantia" - be- oder gelehrte Unwissenheit, "Ignoranz".
Er selbst betitelt ein eigenes Werk über die Gottesfrage als "coniecturae" - Vermutungen über Gott.

   

Nun könnte man meinen, die notwendigen Konsequenzen aus der Zeit des Mittelalters seien mit der Reformation und dem Neuansatz Martin Luthers gezogen worden.
Ist da nicht durch die überquellende kirchliche Dogmatik hindurch wieder der Blick auf das Wesentliche freigemacht, auf die biblische Grundlage zurückgeführt und für das Leben der Menschen fruchtbar gemacht worden?

   

Aber: Was wissen wir im Blick auf die biblischen Grundlagen eigentlich?

Wie viel historische "Fakten" enthalten die Evangelien?
Worin bestehen der Sinn des Auferstehungsglaubens?
Wurde Jesus in Bethlehem oder Nazareth geboren?
Hat er sich als Messias gesehen?
Welche unterschiedlichen Deutungen des Geschehens um Jesus von Nazareth legen wir zugrunde?
Welche (theologische) Brille beim Verständnis der Bibel setzen wir uns auf? -

Die Liste der Fragen könnte nahezu endlos fortgesetzt werden. So wichtige Einsichten Erforschung und Deutung der Bibel erbracht haben - aufs Ganze gesehen kommen sie über den Rang von mehr oder weniger gut begründeten Mutmaßungen nicht hinaus.

   

Auch für diejenigen, denen die Probleme der Kirchen wenig bedeuten, sieht die Lage nicht klarer aus. Oft erfahren wir, dass es in unserer Gesellschaft um "Wahrheit" oder "Ehrlichkeit" nicht geht, sondern um geschickte Formen der Vermittlung mit dem Ziel des Sich-Verkaufens.
Wirken kann der, der Wirkung zu erzeugen vermag - und die Medien wirken daran entscheidend mit, am Aufbau dieser Wirkung ebenso wie an ihrer Zerstörung.
Das Image bestimmt über den Erfolg - dahinter stecken nicht selten gigantische Luftnummern. "Zu tun, als ob" - das könnte der unausgesprochene Angelpunkt der modernen Gesellschaft sein.

   

Über zentrale Perspektiven der Zukunftsgestaltung herrscht Unklarheit:
Wird die Bio- und Gentechnik sich zum "Segen" oder "Fluch" entwickeln?
Was muss an unseren Schulen wirklich gelernt werden, damit Menschen "zukunftsfähig" werden?
Was macht "Zukunftsfähigkeit" überhaupt aus?
Heißt es Widerstände aufbauen gegen bestimmte Entwicklungen, heißt es Fittmachen zum Mithalten, heißt es beides zugleich - wer weiß es?

Die wissenschaftliche Forschung eröffnet immer neue Möglichkeiten, die Globalisierung immer neue Märkte - doch die ethischen und religiösen Orientierungen halten nicht schritt, geschweige denn, dass sie ihnen vorangingen.

    Die Zukunftsfähigkeit der Kirchen, ihre Rolle und ihr Beitrag wird in diesem Zusammenhang, gerade im Übergang zum dritten "christlichen" Jahrtausend, besonders diskutiert.
Sorgen um den Bestand der "Volkskirche" häufen sich, alternative Modelle werden ins Gespräch gebracht. Dabei entsteht oft der Eindruck: Wie bei einem in Schwierigkeiten geratenen Unternehmen werden durch Rationalisierung, Imagepflege und erhöhte Anstrengungen Versuche unternommen, den Bestand zu wahren oder gar zu erweitern, wie es sich in den oft vernommenen Parolen "Europa ist wieder Missionsland" widerspiegelt.

Aber die grundsätzliche Frage wird nicht gestellt: Warum sollte der Bestand der Kirchen erhalten bleiben? Was fehlte der Welt und den Menschen, wenn es sie nicht mehr gäbe?
Welche Rede von Gott, von Jesus und seiner Botschaft können wir verantworten und dann vermitteln?
Und welche Praxis gehört dazu?
Es wird oft dazu aufgerufen, die Kirchen müssten mehr "Profil" zeigen. Wäre es nicht besser, es zu haben?
    Nikolaus von Kues wendet sich in der Orientierungslosigkeit seiner Zeit bewusst ab von einem Weg, der vorgibt, die erforderlichen Antworten längst zu kennen.
Für ihn ist klar: Wenn von GOTT geredet wird, dann stellen sich erst einmal Fragen.
So verlässt er die übliche Form systematisch-theologischer Werke und nutzt die Form des Dia- oder Trialogs.
  Er sucht ungewöhnliche Wege, Gott, über den der Mensch nichts wissen kann, zu umschreiben und entwirft dabei neuartige Ausdrucksformen - nicht zuletzt ein erstaunliches
                       Spiel,
das mit Suchen und Finden, mit Versuch und Irrtum, mit Gelingen und Misslingen den Weg zur Einsicht anschaulich und erlebbar macht.
Dabei werden nur Spuren, Zeichen und Hinweise auf Gott sichtbar - nicht mehr; aber auch nicht weniger.
    Für Nikolaus bedeuten diese vorsichtigen Annäherungen den angemessenen Weg, die Gottheit Gottes zu respektieren


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Copyright © 2001 B. Böttge und B.Dietrich
Letzte Änderung am 19.04.2001 um 17:00